Warum ich als Autist alles wörtlich nehme – und wie du mir helfen kannst dich zu verstehen
Warum ich als Autist alles wörtlich nehme..

Warum ich als Autist alles wörtlich nehme – und wie du mir helfen kannst dich zu verstehen

Ich als Autisten laufe täglich Gefahr meine Mit-Menschen misszuverstehen. Das passiert sehr schnell und regelmässig. Erst seit meiner Diagnose fällt es mir halt auf, wo die Quelle der Missverständnisse liegt. Ich nehme dich nämlich wörtlich, wenn du mit mir sprichst. 

Dafür habe ich auch ein paar kleine Beispiele aus den letzten Jahren zusammen gesammelt.

Beispiel 1 – Drück Enter

Ein Kollege hat mir vor ein paar Wochen eine URL diktiert, das hörte sich für mich folgendermassen an:

xyz.com/test/test/enter

Er hat für mich die ganze Zeit in einem gleichmässigen Ton gesprochen. Ich habe keine Tonerhöhung oder Absenkung in seiner Stimme gehört, als er zum Schluss „Enter“ gesagt hat. 

Was er wollte: Ich solle „Enter“ drücken.

Was ich verstanden habe: Schreibe „Enter“ nach dem letzten Slash.

Der Dialog ging dann so weiter:

🙍🏼‍♂️ „Nein, nein du sollst Enter drücken nicht schreiben!“ 

👩🏼‍💻 Ich drücke daraufhin Enter, aber die URL ist halt falsch und die Seite wurde nicht gefunden.

🙍🏼‍♂️ „Nein, jetzt musst du das Enter wegmachen und es drücken“

👩🏼‍💻 Ich vollkommen verwirrt, tue das was er sagt und komme endlich zu der Website. 

Kommentar von meinem Kollegen: 🙍🏼‍♂️ „Der war jetzt gut..“ 

Reaktion meinerseits: 👩🏼‍💻 „Ich nehme dich halt wörtlich..“  😄

Wir haben herzlich gelacht, in dem Moment. Es war für mich nicht schlimm. Nur habe ich anschliessend gedacht, ja das war jetzt ein Paradebeispiel für wortwörtliches Verständnis. 

Wie kannst du mir in dieser Situation helfen? 

Mache hörbare Pausen, wenn du etwas diktierst und mich danach zu einer Aktion auffordern möchtest.
Benutze deine Stimme, verändere deine Tonlage in irgendeiner Art, damit ich weiss, dass du fertig mit dem Diktieren bist. 

Beispiel 2 – Teste folgende Funktionen

Ich arbeite als Software Testerin und wenn nun eine neue Version einer App herausgebracht werden soll, muss diese natürlich gründlich durchgetestet werden. Mein Projektverantwortlicher war auch sehr organisiert – was mein autistisches Herz sehr freut – denn er half mir dadurch sehr. 

Nun ist es aber, so dass Menschen in die Ferien gehen. An sich eine gute Sache – echt – ich habe auch gern Ferien. Nun ja, auf jedenfalls hatte er mir eine Liste an Testfällen gegeben, die ich zu testen habe. 

Ich habe bei jeder Version, die ich zu testen bekommen habe, sämtliche Testfälle getestet bzw. versucht alle ab zu testen. Nun gab es sehr viele Versionen dieser App, weil wir so viele Fehler gefunden haben. Also habe ich jedesmal versucht alles zu testen. Was auf Grund der Vielzahl an Versionen zeittechnisch nicht machtbar war. Da muss ich auch realistisch sein. Trotzdem habe ich es versucht. 

Als er wieder kam und wir schon wieder eine neue Version zum Testen bekommen haben, hat er mich nur noch die Haupt Funktionalitäten testen lassen. 

Wie kannst du mir in dieser Situation helfen?

⇢ Wenn du mir eine Aufgabe gibst, dann sei dir bewusst, dass ich diese in jeder Situation gleich ausführe. 
Wenn ich eine Situation anders angehen soll, dann musst du mir sagen, welche Minimalanforderungen, du an die Ergebnisse von mir hast. 
Teile mir mit, wieviel Ermessensspielraum ich habe.

Beispiel 3 – Du erklärst mir etwas

In der Informatik ist es ja häufig so, das etwas sehr abstrakt ist. Wenn du mir eine Datenstruktur oder Funktion erklärst und du das nur verbal tust, womöglich auch noch in einem hektischen Grossraumbüro. Dann kann es sein, dass ich 

  1. abgelenkt bin von dem Trubel um mich herum ( das ist die Reizüberflutung)
  2. es mir schwer fällt mich auf deine Worte zu konzentrieren
  3. nicht ständig im Augenkontakt sein kann (das kann sehr anstrengend sein auf Dauer) 

Dazu kommt, dass ich die wie gesagt „wörtlich“ nehme. So hatte ich einmal die Situation, dass jemand als Platzhalter Zahl „4711“ verwendet hat.

Bei mir wurde da direkt der Werbeslogan im Gehirn getriggert – „4711 echt kölnisch Wasser“. (Unbezahlte Werbung)

Also er hatte es aus Spass so gesagt. Mich hat das so verwirrt, weil ich nicht verstanden hatte was Duftwasser mit dieser Funktion zu tun hatte? Weil ich darüber noch gerätselt habe, habe ich dann wieder einen Teil der Erklärung verpasst.

Wie kannst du mir in dieser Situation helfen?

Schaffe eine ruhige Umgebung, notfalls in einem freien Meeting Raum, damit ich mich voll auf dich konzentrieren kann. 
Benutze nicht nur Worte, sondern zeichne abstrakte Dinge auf. Das hilft ungemein.
Vermeide Redewendungen, Ironie und Sarkasmus – ich verstehe es einfach nicht auf anhieb oder erst Stunden später, im schlimmsten Fall auch gar nicht.
Habe nicht die Erwartung, dass ich dir die ganze Zeit in die Augen schaue, wenn ich auf dein Blatt mit den Zeichnungen schaue, bin ich definitiv noch bei dir.
Wenn du noch Literatur Empfehlungen oder hilfreiche Links hast, lese ich mich gern weiter dazu ein. 
Stelle sicher, dass ich dich korrekt verstanden habe, in dem ich dir kurz zusammenfasse, was ich verstanden habe. Sollte es noch Missverständnisse geben, dann kannst du sie direkt beseitigen. 

Ja und in dem du diese Tipps beherzigst, kannst du mir helfen, meine beste Leistung zu erbringen. Dazu kommt, das es für das ganze Team förderlich sein kann, so klare Regeln für die Kommunikation zu haben. Denn nicht nur Autisten – wie ich – sondern alle, können von einer klaren Kommunikation profitieren.


Ja, das sind meine besten Tipps, wie du mir und meinem wortwörtlichen Verständnis helfen kannst. Hast du noch weitere Tipps für mich? Dann schreib mir gern einen Kommentar.


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Geschrieben von
pinkspektrum
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